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Plattform-Abgabe jetzt!

Die Gratis-Content-Flut der Plattform-Ökonomie hat ihre Tücken: Die Qualität des Inhalts sinkt und die Arbeitsbedingungen der Content-Produzenten verschlechtern sich. Daher: Plattform-Abgabe jetzt!

31 Prozent der Weltbevölkerung nutzen Soziale Medien. Sie alle konsumieren nicht nur Inhalte, sondern sie produzieren Bilder, Videos und Texte. In der Geschichte der Menschheit wurde noch nie so viel Content produziert wie heute. Das Geschäftsmodell der Plattformen hat jedoch seine Tücken: Wenn wir alle massenhaft und gratis für die Plattform-Ökonomie Content liefern und aus den Plattformen die neuen Massenmedien werden, dann leiden unter dem extremen Wettbewerbsdruck die Arbeitsbedingungen der professionellen Content-Produzenten und somit deren inhaltliche Qualität.

 

Eine Gratis-Arbeitsstunde täglich

1,1 Stunden täglich arbeitet der deutsche Social-Media-User gratis für die enormen Gewinne von Facebook und Co. Und Massenmedien, die es geschafft haben, dass 31 Prozent der Weltbevölkerung für sie kostenfrei Content liefern, erzeugen einen enormen Wettbewerbsdruck auf die restliche Medienbranche. Eine Abwärtsspirale ist dabei unausweichlich. In dieser für unsere Demokratie so wertvollen Branche, wurden damit die Arbeitsverhältnisse in den letzten Jahren immer prekärer.

Wer mit befreundeten Journalisten in Europa spricht, hört ständig neue Geschichte von ihren desaströsen Arbeitsbedingungen. Und während in der Vergangenheit diese Berufsgruppe noch ein hohes gesellschaftliches Ansehen genoss und gut bezahlte fixe Jobs die Regel waren, hat der Beruf heute vielfach diese Qualitäten eingebüßt. Viele arbeiten als freie Journalisten für einen Hungerlohn. Ein Zustand, den sich unsere Gesellschaft auf Dauer nicht leisten kann.

„Facebook zerstört die Demokratie“

Der Alltags-Rhythmus der Informationsaufnahme lässt nur noch wenig Differenzierung zu. Bei all der Informationsflut, die uns täglich mit enormer Geschwindigkeit auf den Plattformen überschwemmt, lässt sich nur noch schwer unterscheiden, welcher Inhalt wahr oder welcher falsch ist. Auch die Informationsquellen werden nicht mehr hinterfragt: 51 Prozent der US-Internet-User, die Nachrichten auf Facebook konsumieren, erkennen die Nachrichtenquelle des Beitrags nicht.  

Hinzu kommt, dass bei all der Klick-Geilheit der User der Schwachsinn Konjunktur hat. „Je größer der Blödsinn, umso größer die Chance, dass er viral geht. Mit jedem emotionalen oder moralisch besetzten Wort in einem Tweet steigen die Chancen der Weiterverbreitung um zwanzig Prozent“, so der britische Historiker Niall Ferguson, Harvard University, gegenüber der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. „Damit zerstört Facebook die Demokratie”, so Ferguson.

Plattform-Abgabe jetzt!

Was tun? Zum einen die unzähligen Privilegien abschaffen, die Plattformen gegenüber den herkömmlichen Medien genießen. Zum anderen setzen wir uns für eine Plattform-Abgabe ein, die all jenen zugute kommt, die tatsächlich Content produzieren. In welcher Form und in welcher Höhe, darüber wollen wir hier in den nächsten Wochen und Monaten diskutieren.

Möglichkeiten gibt es viele: Etwa über eine EU-weite Umgestaltung der Werbeabgabe, wie sie in Österreich derzeit existiert. Seit dem 1. Juni 2000 müssen Werbekunden, die bei einem österreichischen Printmedien, Fernsehsender oder im Hörfunk Werbung platzieren, einen Aufschlag von fünf Prozent zahlen. Wer bei Facebook und Co. Werbung schaltet, ist von diesem Aufschlag befreit. Denn Online-Werbung ist ausgenommen.

Diese Werbeabgabe könnte man EU-weit für Plattformen einführen. Gleichzeitig sollte man sie den herkömmlichen Medien erlassen. Damit könnte man alleine in Deutschland rund 250 Millionen Euro jährlich einnehmen. Ein Erlös, den man zur Förderung von neuen Medien-Start-Ups oder zur sozialen Absicherung der Content-Produzenten verwenden könnte. Zumindest sollte er so eingesetzt werden, damit die Qualität der Inhalte steigt und die Arbeitsverhältnisse der Content-Produzenten sich verbessern. Die Demokratie würde es uns danken.

 

Text: Johannes Knierzinger
Foto: @saulomohana